Geboren und aufgewachsen in Stockholm mit italienischen und österreichischen Wurzeln, ist Julius Fleischanderl einer der spannendsten Schauspieler seiner Generation. In Deutschland ist er vor allem durch die beliebte skandinavische Krimiserie „Mord im Mittsommer“, die im ZDF ausgestrahlt wird und „Der Kommissar und das Meer“ einem breiten Publikum bekannt.
Wir haben uns mit ihm im Süden von Stockholm digital zu einem Interview getroffen und über die Herausforderungen in Zeiten von Künstlicher Intelligenz, kreative Prozesse, Freiheit und Modekultur gesprochen. Als Kulturbotschafter von Stockholm verrät er uns natürlich auch einige Geheimtipps der schwedischen Metropole.
Julius, wie bist Du zur Schauspielerei gekommen? War es immer schon ein Kindheitstraum von Dir?
Tatsächlich so gar nicht. Wie die meisten Kinder habe ich Fußball gespielt, mich mit Freunden getroffen und wusste in dem Alter nicht, worin ich überhaupt richtig gut war. Mathe und Physik waren es definitiv nicht (lacht). Es war purer Zufall! Es hing da dieser Zettel in unserem Klassenraum, dass eine Produktionsfirma für eine Filmrolle einer TV-Serie Kinder im Alter von 12 oder 13 Jahren suchte. Meine Mutter sah diesen Aushang, als sie mich eines Tages von der Schule abholte und meine Sachen zusammenpackte. Ihr war nicht bewusst, was das genau war und mir erst recht nicht. Dennoch hat sie dort einfach mal angerufen. Der Regisseur gab dann meiner Mutter ein paar Zeilen mit, die ich für das Casting lernen sollte. Als diese mir meine Mutter zeigte, war das für mich ganz normal, da ich ja ebenfalls für die Schule regelmäßig etwas auswendig lernen musste. Am Tag des Vorsprechens sagte der Regisseur zu mir: „Wir spielen jetzt ein wenig und geben vor, etwas zu tun, wir schlüpfen in eine Rolle. Ich übernehme einen Teil und Du den anderen. Das hinter uns ist übrigens eine Kamera, die kannst Du ignorieren. Wir machen das locker zusammen.“ „Okay“, entgegnete ich, und wir legten los. Später riefen sie an und ich bekam meine erste Rolle mit zehn Drehtagen. Das war eine Menge, wie ich später erst realisierte. Es hat mir soviel Spaß gemacht, aber vor allem ist mir in Erinnerung geblieben, dass ich zum ersten Mal von anderen Personen außerhalb meiner Familie die Bestätigung erhalten hatte, gut in etwas zu sein. Und es hat sich super angefühlt, zwischen Erwachsenen zu sein, die intensiv und quirlig an etwas arbeiten und Teil dieses Teams aus Kameraleuten, Licht, Ton etc. zu sein. In der Schule hat niemand zu mir gesagt, dass ich gut in etwas sei. Kinder brauchen das aber. Auf diese Weise verfestigte sich bei mir das Gefühl, vielleicht ist es genau das, wo ich hingehöre, wo ich gut sein kann. Das führte zu
weiteren Rollen in Filmen, Musikvideos und Werbespots. Ich identifizierte mich nie als Schauspieler, ich habe es einfach gemacht. Nach dem Abitur im Alter von 20 Jahren kam erst die aktive Entscheidung, Schauspieler zu werden, konnte da aber bereits auf acht Jahre Erfahrung zurückblicken. Heute ist es ein Traum von mir, den ich weiter verfolge, damals war mir das nicht bewusst. Ich glaube, es ist ein großer Vorteil, dass ich als Kind nie den Druck hatte, besessen hinter einem Traum herzujagen und von Ängsten gelähmt zu sein, zu versagen, wenn etwas mal nicht gelingt.
Wie ging es weiter?
Ich bekam eine Rolle in einem großen Film angeboten. Dadurch lernte ich meine Schauspielagenten kennen, mit denen ich bis heute zusammenarbeite. Nach zwei Kinofilmen beschloss ich, nach London zu ziehen, um mein Englisch zu verbessern, damit ich auch Rollen in englischer Sprache authentisch spielen konnte. In London besuchte ich verschiedene Schauspielkurse, spielte u.a. in einem Independent-Film mit und habe insgesamt drei Jahre dort gelebt. Danach kehrte ich zurück nach Stockholm, um wieder mehr in Schweden zu arbeiten. Meiner Meinung nach ist die beste Weise, das Handwerk der Schauspielkunst zu erlernen, am Set zu sein, zu drehen, mehr als jede Schauspielschule in drei Jahren zu vermitteln vermag. Für mich ist die Praxis das beste Training, um sich weiterzuentwickeln und als Schauspieler zu wachsen. Seit dem Jahr 2019 bin ich wieder in Schweden und habe das große Glück, dass ich über all die Jahre durchgehend Engagements angeboten bekomme.
Darfst Du schon etwas über zukünftige Projekte verraten?
Für alle Fans von „Mord im Mittsommer“ gibt es gute Nachrichten: Eine weitere Staffel ist in Planung. Ferner beginne ich im Spätsommer/Herbst mit den Dreharbeiten zu einem Kinofilm, darf allerdings noch nicht mehr preisgeben.
Was ist ein Wunsch von Dir?
Ich möchte wahnsinnig gern einen Film in Deutschland drehen. Als Kind war ich häufig dort. Ich vermisse Deutschland, die Leute, die Städte, einfach alles.
Interessieren Dich andere Kunstgenres?
Ich spiele in einer Band. Wir sind gerade dabei, unser erstes Album aufzunehmen. Musik machen ist ähnlich wie die Schauspielerei: Es sollte sich so anfühlen, als wäre es ganz frisch und spontan entstanden. Aus einem Moment heraus. Intensiv und nicht überdirigiert. Obwohl beim Film natürlich alles geplant ist, jeder kennt seinen Text und die Texte der anderen, dennoch sollte das Ergebnis überraschen und das Publikum magiegleich einfangen. Die Mühe, die harte Arbeit, die ganzen Proben, all das sollte im Ergebnis nicht zu spüren sein. Musik und Schauspiel müssen sich für die Zuschauerinnen und Zuschauer lebendig anfühlen. Die Seele hinter einem Werk, Charisma und Ausdruckskraft sind entscheidend.
Und bildende Kunst?
Manchmal kann ich mit moderner Kunst nicht allzu viel anfangen. Wenn etwas zu provokativ ist, ist das oft anstrengend und ermüdend. Das, was vor beispielsweise hundert Jahren provoziert hat,
ist hingegen meistens äußerst interessant, da man die ganze Geschichte kennt, die mit dem Werk verbunden ist. Ich bin fasziniert von der Arbeit von Michelangelo. Wie ist es möglich, etwas zu erschaffen, das so zart, so fließend ist? Wie gelingt es, etwa Haare oder das Fallen von Kleidung so real zu modellieren?
Magst Du klassische Musik?
Immer mehr! Ich sehe die Verbindung von klassischer Musik und moderner Musik. Fast alles baut aufeinander auf. Bach ist wie frühes Metal (lacht). Denken wir nur an die Band „Black Sabbath“.
Was begeistert Dich sonst noch?
Ich liebe Kochen. Ein Großvater von mir stammte aus Österreich, der andere aus Rom. Daher hatte ich das Glück, mit den besten Küchen der Welt aufgewachsen zu sein: Auf der eine Seite die österreichische/zentral-europäische, auf der anderen die italienische.
Wie siehst Du den Einfluss der fortschreitenden Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz auf die Kreativität?
Unsere heutige Welt wird geformt von Algorithmen und einer digitalen Flut, da bleibt häufig zu wenig Raum für Kreativität und Muße. Oder sich mal hinzusetzen und ein Buch zu lesen. Es wird uns eingeredet, wir müssten den ganzen Tag am Smartphone scrollen. Alles wird heute sehr genau kalkuliert. Bei einem neuen Song steht vielfach nicht mehr im Vordergrund, was die Künstlerin oder der Künster spielen möchte. Es muss sich verkaufen. Und der Einfluss der Künstlichen Intelligenz ist immens. Bald nennen wir vermutlich einen Song ein Produkt. Bei Mc Donalds heißen die Burger jetzt übrigens auch Produkte und nicht mehr Burger.
Birgt die KI also Herausforderungen, mit denen wir noch lernen müssen umzugehen?
Ich denke ja, trotz aller Chancen und Vereinfachungen, die sie uns bietet. Zunächst wird die Künstliche Intelligenz viele Arbeitsplätze ersetzen. Wir ersetzen und gegenseitig, ohne es zu merken.
Menschliche Kreativität lässt sich meiner Überzeugung nach allerdings nicht durch KI austauschen. Nehmen wir zum Beispiel Blues, Jazz oder Songs anderer Musikrichtungen: Hinter jedem Stück verbirgt sich eine Geschichte. So werden Schmerz und Enttäuschungen in einem Werk verarbeitet. KI kann kein gebrochenes Herz haben! Sie empfindet nichts! Du kannst ihr zwar erklären, was es bedeutet, so zu fühlen, selbst durchmachen kann sie das aber nicht. Kreativität beginnt in kleinen Schritten, wenn Du beispielsweise als Kind draußen im Garten einen Polizisten spielst. Diese Kreativität, die Du als Kind entdeckst und entwickelst, kann später zu allem führen. Es bedeutet natürlich nicht, dass Du zwangsläufig ein Schauspieler wirst. Eventuell entscheidest Du Dich ja dafür, einen Stuhl zu entwerfen. Denn nur Dank dieser Kreativität, die Du erfahren und ausprobieren durftest, tun sich vielfältige Möglichkeiten auf. Du kannst aus unendlichen Chancen wählen. Und gelernt zu haben, etwas immer wieder zu versuchen, etwas zu überdenken, an etwas zu feilen, all das ist essentiell. Ein weiterer Prozess der Kreativität ist, wenn man steckenbleibt, nicht mehr weiterkommt. Manchmal passiert es einfach, man schreibt an einem Song oder einem Drehbuch, und plötzlich geht gar nichts mehr. Ohne den Grund zu wissen, befinden wir uns in einer Blockade. Diese löst sich bisweilen, indem man einfach abwartet, manchmal indem man etwas anderes tut und sich ablenkt. Das führt zu neuer Kreativität und Schöpfungen. Die Künstliche Intelligenz steckt niemals fest. Deswegen bleibt ihr wahre Kreativität verwehrt. Wir müssen etwas versuchen, uns ausprobieren. Nur so wachsen wir und können die unglaublichsten Dinge vollbringen. Diese Sensation, wenn auf einmal der Knoten platzt, wenn sich etwas Neues auftut, ist doch wunderbar und durch nichts zu ersetzen. Fragen wir bei Herausforderungen immer gleich die KI, beschneiden wir uns eines wichtigen Bausteines menschlicher Kreativität und bringen uns um eine gewisse Form von Erfüllung. In jedem Leben gibt es Phasen, wo wir durch harte Zeiten gehen müssen. In der Kreativität ist das nicht anders.
Was bedeutet Freiheit für Dich?
Für mich beginnt Freiheit auf einem individuellen Level. Das machen zu dürfen, was man möchte, für das man sich entscheidet. Bedauerlicherweise gibt es viele Orte auf dieser Welt, wo die Menschen nicht die Chance haben, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. Im Moment ist es so dunkel, dass wir nur hoffen können, dass all das am Ende zu mehr Freiheit für die Menschen führt. In einem Land aufgewachsen zu sein, in dem die Freiheit als Selbstverständlichkeit angesehen wird, ist es natürlich schwer, das mit ansehen zu müssen. Ich fühle mich frei, wenn ich zur Arbeit gehe, denn ich habe mich dafür entschieden, zur Arbeit zu gehen. Ich möchte das. Auf der einen Seite sind wir hier in Schweden freier denn je, andererseits frage ich mich: „Sind wir noch frei im Geiste? Bin ich noch frei inmeinem Denken? Habe ich eine Meinung zu etwas, weil das meine Meinung ist, oder wird mir die Meinung durch die Flut an Informationen oder KI aufgedrückt.“
Was verbindest Du mit Modekultur?
Ich ziehe mich so an, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Ganz frei. Es bereitet mir Freude, meinem eigenen Stil zu folgen und nicht mich so anzuziehen, wie viele andere. Ich bevorzuge Qualität, ich mag diese Wegwerfmodekultur nicht. Wenn mir ein Style besonders gefällt, kaufe ich auch schonmal einen Pullover in drei verschiedenen Farben. Qualität hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun und mit Wohlfühlen. Darüber hinaus habe ich in der Schauspielerei die Möglichkeit, in die verschiedensten Rollen zu schlüpfen und das auch mit der Garderobe auszudrücken. Ein Charakter wird durch Kleidung abgerundet. Wenn ich eine Rolle spiele, möchte ich am wenigstens wie ich selbst aussehen. Am besten finde ich es, wenn man alles an mir verändert, meine Haare, meine Kleidung. Die Schauspielerei erlaubt es mir, alles auszuprobieren.
Herzlichen Dank für das Interview!
Das Gespräch führte Matthias Berghoff.

“Mord im Mittsommer – Linnea”: Alexander (Nicolai Cleve Broch, l.) und Welpe (Julius Fleischanderl, r.) befragen Verdächtige und Zeugen im Mordfall Sven. Foto: ZDF/Johan Paulin


